Vom Entscheiden und Erwachsenwerden

Eine Reflexion für Schüler der Oberstufe und solche, die es einmal waren
München, , Werner Fischer
Sie haben Ihr monatliches Taschengeld erhalten und sind zum Schaufensterbummel unterwegs. Da werben Schallplatten um Ihre Wünsche, ein Gesamt-Goethe im Taschenbuchformat wirbt darum – und dieser schneidige Pullover. Sie wägen ab, Sie entscheiden sich. – Ein freies Wochenende steht bevor. Da ist ein kostbarer Tag zu gestalten, der von Alltagsarbeit einmal nicht behelligt wird. Sie können der Einladung von Freunden folgen – die werden eine größere Segelpartie unternehmen, und es wird vermutlich recht amüsant – oder Sie können sich auf einem einsamen Spaziergang endlich einmal über einen Gedanken klarwerden, ein Problem, eine Not, die Sie schon lange bedrängt. Sie wägen ab, Sie entscheiden sich und folgen der Einladung. Am Abend wissen Sie dann, dass Sie’s falsch gemacht haben: Der Tag blieb leer; er ist Ihnen nur so aus der Hand geglitten. Das ist schade, aber auch keine Tragödie. Es lässt sich voraussehen, dass Sie noch ein paar Sonntage zu besserer Verfügung frei haben. – Die großen Sommerferien rücken näher. Ein lockerer Plan, ganz unverbindlich noch, ist der gemeinsame Zelturlaub am dänischen Strand mit ein paar Klassenkameraden. Einstweilen rivalisiert mit solchen Vorsätzen allerdings noch der Brief eines französischen Korrespondenzfreundes, der Sie zu einem Pariser Aufenthalt überreden möchte. Zuletzt behauptet sich dann die Gegenwart Ihrer Kameraden gegen die französischen Worte auf dem Papier, und Sie fahren ins freundliche, nahe Dänemark und fühlen sich wohl dort. Aber vielleicht sind Sie auch nur mit halben Herzen mitgereist und träumen und trauern dem Reizvollen Anderen nach, das Ihnen nun entgangen ist: dem Pariser Leben, dem Atem der Weltstadt, die Sie geweitet hätte und auf unsägliche Art verändert, vielleicht. Solches Hinüberdenken, solche Reue, dieses nutzlose Hantieren mit dem „Wenn“ und dem „Hätte“ vergällt Ihnen dann die breiten stillen Tage im dänischen Norden. Sie sollten sich lösen davon: Immer bleibt ja die gegenwärtige Wirklichkeit benachteiligt neben den Wünschen und den Träumen. Und Sie haben den nächsten Sommer vor sich, zehn nächste Sommer, fünfzig! Wer zählt die überhaupt, wenn er achtzehn ist? In jedem, in jedem Sommer dürfen Sie’s noch besser machen, noch pfiffiger, vorsichtiger, ergiebiger. Gut, für diesmal haben Sie diese Wirklichkeit gewählt, das nächste Mal treten Sie ein in eine andere. In der zeitlichen Abfolge kommt dann beides zueinander.So wägen Sie ab und entscheiden sich. Ihr ganzes Leben ist bis zum Rande gefüllt mit solchen Entscheidungen. Jeder Tag, jede Stunde ist voll davon. Ihr ganzes Dasein können Sie als ein solches Nacheinander von Entscheidungen begreifen, ein solches In- und Gegeneinander, das sich wechselseitig ablöst, aufhebt und im Wege ist.Es gibt eine andere Art
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