Lärm – Zwischen Literatur, Politik, Musik und Philosophie
Eine kleine Geschichte
München,
,
„Daß ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter [...]. Dann plötzlich dumpfer eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt [...]. Jemand ruft. Leute laufen, überholen sich. Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen kräht sogar ein Hahn, und das ist ein Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich plötzlich ein.“¹In dieser Weise beschreibt der Protagonist von Rainer Maria Rilkes ‚Prosabuch‘ Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Briggegleich in den ersten Zeilen jene akustische Umgebung, die den im Paris des frühen 20. Jahrhunderts spielenden Roman kennzeichnet: die überfordernde Geräuschkulisse der Großstadt. Doch es handelt sich hierbei bei genauerer Betrachtung keineswegs um eine wahllose Aufzählung von Tönen, stattdessen nimmt Malte eine Einteilung in zwei akustische Kategorien vor: während er in den ersten Zeilen einzelne von ihm als negativ aufgenommene Geräusche darstellt, erhalten das Hundebellen sowie der krähende Hahn der letzten Zeilen eine positive Konnotation. Hielten erstere ihn vom Schlaf ab, so ist es ausgerechnet der als Weckruf bekannte Hahnenschrei, der dem überreizten jungen Mann in den Schlaf verhilft. Natürlich ist dies auf die Herkunft dieser Geräuschquellen aus dem Landleben zurückzuführen, die nun, in der Großstadt, als beruhigende Klänge einer überschaubaren Welt Entspannung stimulieren. Doch unabhängig hiervon zeigen jene Zeilen auch die zentrale Eigenschaft von Lärm auf.Lärm ist nämlich, wie hier deutlich wird, keineswegs eine Sammelbezeichnung für laute Geräusche. Nicht ohne Grund nutzt Malte jenes Wort nur im Rahmen der Aufzählung störender Töne, nicht aber zur Benennung der ebenso lauten, aber einer positiv konnotierten Quelle zuordbaren Geräusche. Lärm, so wird klar, ist Beziehungssache. Er lässt sich nicht anhand von Dezibel erfassen, sondern nur dieses laute Geräusch ist ein Lärm, das den Hörenden stört, dessen Nutzen ihm unklar bleibt oder den er verachtet.Dass gerade in Zeiten der zunehmenden Urbanisierung und aufstrebenden Industrialisierung rund um die vorletzte Jahrhundertwende die neue Geräuschkulisse ‚Großstadt‘ als Lärm wahrgenommen wurde, wundert nicht. So benennt doch der Soziologe und Philosoph Georg Simmel die Wirkung jenes Milieus auf das Geistesleben nicht nur als „Vergewaltigungen der Großstadt“, sondern führt sogar die Blasiertheit und Reserviertheit der Großstädter auf Anpassungserscheinungen ihrer Nerven zurück, „die [...] ihre letzte Möglichkeit, sich mit den Inhalten und der Form des Großstadtlebens
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