Fragmente aus einem Leben in vier Welten

Die Lebensgeschichte von Nadja Banholzer
München, , Christian Begemann
In meiner Gymnasialzeit in München besuchte ich einige Jahre einen freiwilligen Russischkurs im benachbarten St. Anna-Gymnasium. Die Lehrerin hieß Nadja Banholzer und war eine kleine, energische, sehr zugewandte, freundliche und kommunikative Frau in den späten Vierzigern. Sie kümmerte sich um soziale Aktivitäten ihrer Gruppe nicht weniger als um den Unterricht und kannte alle und jeden. Wenn man mit ihr in einem Lokal saß, kam garantiert ein ehemaliger Schüler herein, bei dem sie den ganzen Kurs zur Erdbeerbowle oder zu einem Hauskonzert einladen konnte. Das war imponierend und kurios zugleich. Jahre später – ich war längst aus der Schule heraus – stieß ich in einigen Artikeln in Tageszeitungen wieder auf Frau Banholzer, wo sie als „bayerische Chinesin“, als Münchner Original und Lebenskünstlerin vorgestellt wurde, die lange Zeit eine der ganz wenigen Russisch- und über zwei Jahrzehnte die einzige Chinesischlehrerin überhaupt an Münchner Gymnasien war. Das erste Chinesisch-Lehrbuch für Schülerinnen und Schüler hat sie auch verfasst. In diesen Artikeln wollte sie über ihr Leben nicht befragt werden und bemerkte nur vage, sie stamme aus Rostow am Don und habe Vorfahren aus China, der Türkei, Russland und sogar aus dem Schwäbischen. So habe ich das abgespeichert, es passte auch irgendwie ganz gut. Erst kürzlich bin ich, wenn ich so sagen darf, Frau Banholzer wieder begegnet, die 2019 im biblischen Alter von 98 Jahren verstorben ist. Ihr Sohn Peter Banholzer, Internist, Psychotherapeut und bezeichnenderweise auch Spezialist für Psychotraumatherapie, hat nämlich, basierend auf ihren eigenen Aufzeichnungen, ein kleines Buch über ihre Lebensgeschichte herausgegeben. Dieses Buch nun, so muss vorausgeschickt werden, ist keine ‚Literatur‘ im engeren Sinn, aber es ist unendlich viel mehr als all die Autobiographien von Fußballstars, Schauspielerinnen, Chefköchen und Influencerinnen, die den Markt fluten. Es lässt sich eine Menge aus ihm lernen. Darum sei es hier zur Lektüre empfohlen.Dass Nadja Banholzer nicht nur eine Lebens-, sondern auch eine Überlebenskünstlerin war, belegt diese kaum fassliche Lebensgeschichte drastisch. Über weite Strecken ähnelt sie einem Pikaroroman, wie etwa dem „Simplicissimus“ Grimmelshausens, der die Abenteuer seines gar nicht so simplen Helden in den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges vergegenwärtigt. Geboren wurde Nadja Banholzer 1921 in Turkmenistan, wo ihr Vater, der ursprünglich ein adeliger zaristischer Offizier war, in den nachrevolutionären Wirren für die Rotarmisten gegen die Mudjaheddin kämpfen musste, die es schon damals gab. Dieser Einsatz bewahrte ihn nicht davor, später in einem stalinistischen Gulag zu verhungern. Die Verhaftung des
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